Helmut Schmidt und der Terror der RAF. Vortrag

Die Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität lädt ein zu einem Vortrag von Dr. Wolfgang Kraushaar, Hamburger Institut für Sozialforschung

Helmut Schmidt und der Terror der RAF

Mittwoch, 28. September 2022 • 18 Uhr

Es gibt in der Geschichte der alten Bundesrepublik wohl keine andere Situation, die es an Dramatik und Brisanz mit dem sogenannten „Deutschen Herbst“ im Jahr 1977 aufnehmen könnte. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat diese Zeitspanne später einmal als “die schwerste Krise des Rechtsstaats seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland” bezeichnet. Auf die Nachricht, dass der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von einem RAF-Kommando entführt und dessen Begleiter allesamt erschossen worden waren, reagierte er mit einer möglichst kompromisslosen Haltung. Der Staat sollte sich dem Terrorismus gegenüber als unnachgiebig und standhaft erweisen. Nicht noch einmal dürfte ihm passieren, was im März 1975 geschehen war: dass die Bundesregierung in Reaktion auf die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz weich geworden war und fünf in Haft befindliche Terroristen freiließ, die dann allesamt wieder Verbrechen bis hin zu Mordaktionen begingen. Da sich die Bundesregierung unter Helmut Schmidt in einer regelrechten Zwickmühle befand, war sie systematisch überfordert. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte, letztlich war es in einem der beiden entscheidenden Punkte falsch und anfechtbar. Sie konnte nicht gleichzeitig das Leben des Entführten retten und andererseits eine Verlängerung verhindern. Das eine schloss das andere aus. Hinzu kommt, dass führende Politiker – wie etwa Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt auch selbst – sich persönlich als gefährdet ansehen mussten. Wie Dokumente belegen, waren sie selbst Entführungs- und damit zugleich auch Todeskandidaten. Da sie das wussten und ihr Personenschutz auch daraufhin abgestellt wurde, ohne aber letztlich irgendeine Form der Sicherheit garantieren zu können, agierten sie in dem Bewusstsein, nicht nur staatliches Handeln in einer rechtsstaatlich verfassten Demokratie legitimieren zu müssen, sondern zugleich auch ihre ganz persönliche Gefährdung möglichst auf ein Minimum zu reduzieren.

Wolfgang Kraushaar, geb. 1948, promovierter Politikwissenschaftler, studierte an der Universität Frankfurt am Main Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik; von 1987 bis 2014 Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, seit 2014 an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur; Forschungsschwerpunkt: Protestbewegungen in der alten Bundesrepublik und des Linksterrorismus; 2004 Gastprofessur an der Beijing Normal University; Lehraufträge an der Universität Hamburg, der Freien Universität Berlin und der Universität Zürich.

Bei dem Vortrag handelt es sich um eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung „Extreme Situationen, schnelle Entscheidungen“. Helmut Schmidt gegen Sturmflut und RAF-Terror, die noch bis zum 30. September 2022 in der Bibliothek der HSU präsentiert wird. Der Eintritt ist frei.